Samstag, 21. März 2015

Keine Angst vorm Wolf?!

Dieser Beitrag soll der Information dienen und nicht wertend gegenüber der Ansiedelung des Wolfes sein! Ich möchte alle Leser darum bitten, sich von Diskussionen bezüglich des Für und Wieder zur Ansiedelung als Facebookkommentar fernzuhalten. Dafür gibt es entsprechende Seiten, auf denen man sich austoben kann. Die Diskussionen der jeweiligen Lobby fällt mir gerade auf Facebook immer wieder negativ auf. Bei meiner Recherche habe ich auf fachlich qualifizierte Quellen zugegriffen, die ich in dem Beitrag auch immer wieder erwähne. Sollte es doch zu Fehlinformationen kommen, dann bitte ich darum, mir unter der unten angegebenen Email eine Nachricht mit Quellenhinweis zuzusenden.

 

Der Wolf ist zurück in Deutschland. Ich wohne selber in einem Gebiet, in dem es Wölfe gibt, und bin da noch geteilter Meinung zu diesem Thema. In den letzten Tagen habe ich Veranstaltungen besucht, um mein Wissen zu dem Thema Wolf zu erweitern. Ich möchte euch hier einmal die wichtigen Details zusammenstellen.

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Wolf in der Lüneburger Heide auf dem Truppenübungsplatz Munster Nord.
Foto: Jürgen Borris; www.nabu.de

Der europäische Grauwolf (lat. canis lupus lupus)

Ethologie und Biologie

Der Wolf in Deutschland war 150 Jahre lang durch Menschen annähernd ausgerottet. Einzelne Tiere wurden aber immer wieder gesichtet und auch getötet. War er früher auf der gesamten nördlichen Halbkugel fast flächendeckend verbreitet, so ist er inzwischen überwiegend nur noch in Kanada, Russland und Alaska in größeren Beständen zu finden (Verbreitung weltweit). In Nordamerika und Westeuropa wurde er durch den Menschen nahezu ausgerottet. Seit 1980 gilt er aber durch nationale und internationale Übereinkommen als überaus streng geschützte Art in der gesamten EU und darf nicht mehr getötet werden. Nun kehrt er zurück und das verursacht Unsicherheit, Angst und zum Teil auch Wut. In der Oberlausitz sind im Jahr 2000 die ersten Welpen geboren worden. Junge Wölfe wandern überwiegend aus Polen und suchen sich neue Reviere.

Der Wolf ist eines der größten Raubtiere in Europa und gehört zu der Familie der hundeartigen Tieren und zählt hier zu den größten Vertretern. Er hat einen gut proportionierten Körperbau und ist an die Fortbewegung über größere Entfernungen ideal angepasst. Er hat einen kräftigen Hals, einen starken Brustkorb, eine schlanke Bauchregion und ist hochbeinig. Seine Färbung ist gelbbraun bis grau. Er hat einen hellen Sattelfleck mit dunkler Sattellinie und eine schwarze Schwanzspitze. Das Gesicht ist dunkel mit hellen bis weißen Partien seitlich am Fang und an der Kehle. Die Ohren sind eher klein und abgerundet. Von innen sind sie dicht behaart und hell. Die Augen sind hellbraun bis gelb und stehen schräg.

Wölfe sind deutlich größer als die meisten Hunde. Fähen (weiblicher Wolf) sind 15-20 % kleiner und leichter als Rüden (männlicher Wolf). Der Rüde erreicht eine Schulterhöhe von 70 - 90 cm, eine Kopf/Rumpflänge von 100 - 140 cm. Die Fähe wird ca. 60 - 80 cm hoch und ist 97 bis 124 cm lang. Die Rute (Schwanz) ist 30 - 70 cm lang. Der Wolf erreicht ein Gewicht von 30 - 50 kg (Vgl. deutscher Schäferhund Rüde: Widerristhöhe 60 - 65 cm, Gewicht 30 - 40 kg).

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Rüde des Daubitzer Wolfsrudels auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz im sächsischen Teil der Lausitz.
Foto: NABU/Jan Noack;


Der Wolf kann nachts sehr gut sehen und hat ein ausgezeichnetes Gehör. Ein Wolf kann das Geheul eines anderen auf eine Distanz von 6,4 bis 9,6 Kilometern hören. Die Augen haben einen Blickwinkel von 250 ° (Mensch 180 °). Der Geruchssinn ist ebenfalls sehr gut ausgeprägt. Er kann seine Beute und Artgenossen auf eine Entfernung bis zu 2 Kilometern wittern. Das Heulen des Wolfes dient als akustische Markierung des Territoriums und zur Kontaktaufnahme mit Artgenossen. Die Kommunikation untereinander ist ausgeprägt. Sie verfügen über ein reiches Repertoire an Gesichtsausdrücken, Körpersprache, Gesten, Lauten und Absonderung von Duftstoffen.

Als Ausdauerläufer legt ein Wolf in einer Nacht innerhalb seines Territoriums auch gerne mal bis zu 20 Kilometer zurück. Dabei bewegt er sich überwiegend im Trab mit einer Geschwindigkeit von 10 - 12 km/h. Kurzfristig kann er Geschwindigkeiten von über 50 km/h erreichen (vgl. 600 kg schweres Pferd: Schritt 3,5 bis 6 km/h, Trab 12 bis 18 km/h, Galopp 21 bis 30 km/h, Galopper bis zu über 70 km/h) und ist ein guter Schwimmer. Der Bach als Weidezaun hält den Wolf also nicht ab.

Das Revier eines Wolfes ist in der Regel 250 bis 300 km² groß und zeichnet sich durch einen guten Rückzugsbereich und reichlich Beutetiere aus.  Es wird mit Kot und Urin markiert und gegen fremde Wölfe verteidigt. Dadurch bleibt die Anzahl an Wölfen in einem Gebiet auch konstant. Wölfe meiden dabei den Menschen. Es ist aber durchaus möglich, dass sie durch Gebiete streifen, in denen auch Menschen sind.

Die Elterntiere sind für die Beschaffung der Nahrung zuständig. Ein ausgewachsener Wolf benötigt ca. 4 - 5 kg Fleisch pro Tag.  Auf dem Speiseplan eines Wolfes gehören Rehwild, Rotwild und Schwarzwild. Wobei Rehwild über 50 % ausmacht. Neben diesen Wildarten fressen sie aber auch Aas, kleinere Säugetiere und Früchte.

Der Wolf hat in Deutschland keine natürlichen Feinde. Er stirbt meist durch natürliche Ursachen wie Alterstod, Krankheiten (häufig: Tollwut, Staupe, Räude), Verletzungen, Erfrieren oder Verhungern.

Das Rudel und die Verbreitung

Zu einem Rudel gehören die Elterntiere (Rüde und Fähe) sowie deren Nachwuchs aus 2 Jahren, die Wolfswelpen. Wölfe bekommen 1 x im Jahr Nachwuchs. Die Paarungszeit ist zwischen Januar und März. Nach einer Tragzeit von 63 Tagen kommen Ende April / Anfang Mai bis zu 11 Welpen auf die Welt. Diese überleben aber in der Regel nicht alle. Meist sind es bis zu 6 Welpen, die eine Familie über die Zeit durchbringen kann. Die Jungen werden in einer Wurfhöhle geboren. In einem Gebiet gibt es mehrere Wurfhöhlen, damit die Familie bei Gefahr umziehen kann. Die Welpen werden blind und taub geboren und bleiben die ersten 3 Wochen mit der Mutter in der Wurfhöhle. Der Nachwuchs wird 6 - 8 Wochen gesäugt und später von dem gesamten Rudel versorgt. So sind auch die Jährlinge damit beauftragt die Welpen zu versorgen. Dadurch lernen sie bereits die Verhaltensweisen, die sie später benötigen. Eine richtige Großfamilie. Mit ca. 10 Monaten sind die Welpen ausgewachsen. Die Jungen bleiben bis zu 2 Jahre bei den Eltern. Als spätestens zweijährige Wölfe sind sie geschlechtsreif und verlassen ihre Eltern und deren Revier. Sie suchen sich einen Partner und ein eigenes Revier. Dabei legen sie nicht selten bis zu 70 Kilometer am Tag zurück. Das ist dann auch eine Zeit, in der sie häufig in Gebieten gesichtet werden, wo es keine feste Besiedlung durch ein Rudel gibt.

Um sein Revier zu markieren setzt der Wolf auf Wegen und Kreuzungen unter anderem seinen Kot ab. Der Fachbegriff dafür ist "Wolfslosung". Er ähnelt einem Hundehaufen. Die Wolfslosung enthält häufig Haare, Knochenreste und zum Teil auch Zähne seiner Beute. Er ist in der Regel 2,5 bis 4 cm dick und über 20 cm lang. Schmaler und kürzer ist aber durchaus auch möglich. Der genaue Nachweis über die Zugehörigkeit zum Wolf ist aber nur durch DNA Analyse möglich.

Aktuell sind in Deutschland 38 Wolfsreviere bekannt (Verbreitung Deutschland). Davon werden 35 von Wolfsrudeln bzw. –paaren besetzt und drei von einem residenten Einzelwolf. In folgenden Bundesländern sind aktuell Wolfsreviere bestätigt:
Sachsen: 11 Wolfsrudel bzw. –paare
Grenzgebiet Sachsen/Bandenburg: 1 Wolfsrudel
Brandenburg: 10 Wolfsrudel + 1 residenter Einzelwolf
Grenzgebiet Brandenburg/Mecklenburg-Vorpommern:1 residenter Einzelwolf
Mecklenburg-Vorpommern: 2 Wolfspaare
Sachsen-Anhalt: 5 Wolfsrudel + 1 residenter Einzelwolf
Niedersachsen: 5 Wolfsrudel + 1 Wolfspaar 

Die Wiederbesiedlung ist keine aktive Wiederansiedlung, sondern nur die natürliche Ausbreitung des Wolfes!

Als bestätigtes Revier gilt, wenn das Tier über 6 Monate mehrfach in einer Region gesichtet wurde.
https://www.nabu.de/downloads/fotos/wolf/nabu-karte-mitteleuropaeische-woelfe.jpg
Mitteleuropäische Tieflandpopulation
Foto: NABU/M. Bathen

Spurenerkennung - Trittsiegel des Wolfes

Der Wolf ist, genauso wie der Hund, ein Zehengänger. Das bedeutet, dass er nicht mit dem gesamten Fuss auftritt, sondern auf den Zehen läuft. Er besitzt an den Vorderläufen 5 Zehen und an den Hinterläufen 4 Zehen. Die 5. Zehe der Vorderläufe ist allerdings am Trittsiegel (Fussabdruck) nicht zu erkennen, da sie höher angesetzt ist als die anderen. Die Pfotenabdrücke eines Wolfes sind sehr groß und ähneln denen eines großen Hundes. Der Abdruck eines erwachsenen Wolfes ist deutlich größer als bei den meisten großen Hunden. Die Größe ist abhängig vom Alter, Geschlecht und individuellen Eigenschaften des Wolfes. Bei erwachsenen Wölfen beträgt sie 10 bis 13,7 cm (8 bis 12 cm ohne Krallen) in der Länge und 7 bis 11 cm in der Breite bei den Vorderpfoten. Die Hinterpfoten sind etwas kürzer und schmaler. Die Form der Trittsiegel beim Wolf ist eher längs-oval, beim Hund eher rund. Seine Krallen sind relativ groß und kräftig. Ein bedeutender Unterschied im Trittsiegel zwischen Wolf und Hund ist die Anordnung der Zehen. Die beiden vorderen Zehen des Wolfes stehen gerade nach vorne, die beiden seitlichen sind nach schräg außen angeordnet. Beim Hund sind alle Zehen schräg nach außen angeordnet. Auch der Fuchs hat die Anordnung der Zehen so wie der Wolf. Nur sind seine Spuren deutlich kleiner.

Die bevorzugte Gangart ist der geschnürte Trab. "Schnüren" beim Wolf ist gleichbedeutend wie beim Pferd. Die Vorderpfoten und Hinterpfoten werden genau voreinander in einer Linie gesetzt. Mit den Hinterpfoten tritt er dabei in das Trittsiegel der Vorderpfoten. Die Spur ist geradlinig, beim Hund eher gewundener. Auch mehrere Wölfe zusammen bewegen sich immer in der Linie von einer Spur. Dabei treten die folgenden Tiere in die Trittsiegel der vorderen Tiere. Die Abstände zwischen den Abdrücken jeweils einer Pfote betragen mindestens 100 cm, häufig auch mehr. Als weitere Gangarten gibt es dann noch den schrägen Trab und verhaltener sowie gestreckter Galopp (siehe Bild). Weitere Info zu Trittsiegeln: siehe Trittsiegel und Spuren

http://chwolf.org/assets/graphics/content/woelfe-kennenlernen/Spurbilder_Schrittlaengen.jpg
Trittspuren der Gangarten im Vergleich
Copyright CHWOLF 2012

Monitoring

Als Monitoring bezeichnet man die wissenschaftliche Überwachung, Beobachtung und Erfassung eines Vorgangs um Daten zu gewinnen und auszuwerten. Das Wolfsmonitoring  liefert Informationen über die Biologie und Lebensweise der Wölfe, sowie der Größe und Entwicklung des Wolfsvorkommens in Deutschland und anderen Ländern. Es wird von geschulten Mitarbeitern der Landratsämter und weiteren geschulten Personen aus Jagd, Forst und Naturschutz unterstützt und durchgeführt. Der Nachweis von Großraubtieren in Deutschland wird der über die anerkannten SCALP (Status and Conservation of the Alpine Lynx Population) definiert. Die in Deutschland erforderlichen SCALP Kriterienn für ein standardisiertes Großraubtier-Monitoring gelten nicht nur für den Wolf, sondern u. a. auch für Bären und Luchse. Dabei sind einige Vorbedingungen einzuhalten:

  • In jeder Region mit Großraubtieren ist mindesten eine erfahrene Person für die Evaluierung der Felddaten verfügbar.
  • Als erfahren gilt, wer ausgiebige Felderfahrung mit der in Frage kommenden Großraubtierart hat.
  • Alle Beobachtungen sind auf ihre Echtheit, bzw. gezielte Täuschung muss ausgeschlossen werden, zu überprüfen.
Die Nachweise werden wie folgt eingeteilt:
  • C1: eindeutiger Nachweis = die Anwesenheit eines Großraubtieren ist eindeutig bestätigt. Dies kann z. B. über Lebendfang, Totfund, genetischer Nachweis oder Foto geschehen.
  • C2: bestätigter Nachweis = von erfahrener Person überprüfter Hinweis (z. B. Spur oder Riss), bei dem ein Großraubtier als Verursacher bestätigt werden konnte. Die erfahrene Person kann den Hinweis selber im Feld oder anhand einer Dokumentation von einer dritten Person bestätigen.
  • C3: unbestätigter Hinweis = Alle Hinweise, bei denen eine Großraubtier als Verursacher auf Grund der mangelnden "Beweislage" von einer erfahrenen Person weder bestätigt noch ausgeschlossen werden konnte. Dazu zählen alle Sichtbeobachtungen, auch von erfahrenen Personen, ferner alle Hinweise, die zu alt sind, unklar, unvollständig dokumentiert sind, zu wenige um ein klares Bild zu ergeben ( z. B. bei Spuren) oder aus anderen Gründen für eine Bestätigung nicht ausreichen; ebenso alle Hinweise, die nicht überprüft werden konnten. Die Kategorie C3 kann in Unterkategorien „wahrscheinlich“ und „unwahrscheinlich“unterteilt werden. 
  • Falsch: Falschmeldung = Hinweis, bei der ein Großraubtier als Verursacher ausgeschlossen werden konnte oder sehr unwahrscheinlich ist.
Der Buchstabe "C" steht für "Category", die Zahlen für die Überprüfbarkeit der Hinweise.

Herdenschutz

Die Jagdtaktiken des Wolfes sind sehr variabel. Er beherrscht die Hetzjagd, die Langzeitjagd sowie das Auflauern der Beute. Die Hetzjagd findet vor allem in spärlich bewachsenen Gebieten Anwendung. Hierbei wird ein Beutetier von der Herde getrennt, um es leichter erlegen zu können. Dann wird es solange gejagt, bis es vor Erschöpfung keinen Widerstand mehr leisten kann. Eine weitere interessante Variante der Jagd ist die Langzeitjagd, bei der Wiederkäuer vom für ihre Verdauung unbedingt notwendigen Ruhen abgehalten werden. Dadurch entwickeln sich mit der Zeit schmerzhafte Koliken, welche das geschwächte Tier zu einer leichten Beute werden lassen.

Bei Tieren, die von uns Menschen gehalten werden, ist es schon bequemer für den Wolf. Er hat einen geringen Aufwand bei der Nahrungssuche. Um an seine Beute zu kommen, die hinter einem Zaun gesichert ist, gräbt sich der Wolf unter den Zaun durch oder überläuft diesen. Dabei vermeidet der Wolf Situationen, bei denen er sich verletzen kann (z.B. durch Schutzhunde oder Elektrozaun). Hat ein Wolf einmal eine schlechte Erfahrung mit einem Zaun gemacht, kommt er wahrscheinlich so schnell nicht wieder. Ein anständiger Stromzaun gilt als einer der effektivsten Möglichkeiten zum Schutz der eigenen Tiere. Empfohlen wir u.a. Maschendraht mindestens 50 cm tief eingraben und 120 cm hoch. An der Außenseite des Zaunes eine zusätzliche Litze mit Strom tief anbringen.

Eine kurzfristige Abschreckung ist das Anbringen von Flatterband. Dies führt aber schnell zur Gewöhnung.

Wichtig sind jedoch auch folgende Dinge:

  • keine Nachgeburt liegen lassen
  • keinen "Lämmerschlupf" im Zaun (das sind kleine Öffnungen im Zaun)
  • Stromlitzenabstand klein halten < 20 cm
Übergriffe auf Pferde und Rinder sind europaweit seltener als bei Schafen, kommen aber auch vor. So gibt es in Ostpolen ein Rudel, wo Übergriffe mehrfach vorgekommen sind und auch in Cuxhaven und anderen Bundesländern wurden bereits Rinder von Wölfen gerissen. Auch aus Schweden und Frankreich kommen Meldungen mit Übergriffen auf Pferde (Infos hier). Eine aktuelle Übersicht über gemeldete Nutztierrisse in Niedersachsen findet ihr hier, für Brandenburg hier, für Sachsen hier.

Ob für Pferdehalter ein Herdenschutzhund sinnvoll ist, sei erst mal dahingestellt. Diese Hunde sind speziell ausgebildet und lassen wirklich nichts und niemanden Fremdes an ihre Herde. Auch sie müssen vor Ausbruch gesichert werden. Zu den gängigen Herdenschutzhunden gehören folgende Rassen:

  • Französischer Pyrenäenberghund (Rüden 70 - 80 cm groß, ca. 60 kg; Hündinnen 65 - 70 cm, ca. 50 kg)
  • Kuvasz (Größe bis 76 cm, Gewicht bis 62 kg)
  • Kangal (Rüden bis 80 cm, 45 - 60 kg; Hündinnen bis 76 cm, 30 - 50 kg)
  • Maremmano Abruzzese (Rüden 65 - 73 cm groß, ca. 40 kg; Hündinnen 60 - 68 cm, 35 kg)

Die Aufgaben den Herdenschutzhundes ist, wie der Name schon sagt, der Schutz seiner Herde und seines Territoriums. Er ist durch seine lange Ausbildung hoch spezialisiert. Jedes Eindringen von ihm unbekannten Menschen oder Tieren in das von ihm besetzte Revier wird er versuchen zu verhindern. Grundsätzlich verhält er sich Fremden auf neutralem Territorium gegenüber abwartend, zurückhaltend und misstrauisch. Wer sich einer Herde Schafen oder anderen Tieren, die von Herdenschutzhunden bewacht werden, nähert, sollte sich auf jeden Fall ruhig und zurückhaltend, keinesfalls forsch, hektisch oder aufgeregt verhalten. Die umzäunte Fläche niemals ohne den Besitzer betreten! Begegnung mit dem Herdenschutzhund - Video

Weiter Informationen zu den Herdenschutzhunden erhaltet ihr u. a. hier:
www.ag-herdenschutzhunde.de
www.pro-herdenschutzhunde.de

Herdenschutzhund. © Freitag & Krummheuer / WWF
Herdenschutzhund. © Freitag & Krummheuer / WWF

Eine weitere Alternative zum Herdenschutz bilden Esel. Sie sind im Gegensatz zu Pferden keine Fluchttiere, sondern stellen sich der Gefahr solange es geht und sind sehr wehrhaft. Nur gibt es bei der Haltung von Eseln ein großes Problem. Unsere nahrhaften Weiden sind für den Esel der sichere Tod. Wie bei vielen Ponys und Pferden auch, neigen sie zu Hufrehe.

Risse - Unterschied Wolf und Hund

Um seine Beute zu töten, wendet der Wolf einen kräftigen, gezielten und unblutigen Drosselbiss / Kehlbiss an. An dieser Stelle sind meist tiefe, nicht ausgefranste Löcher von den Zähnen erkennbar. Je nach Beute beißt er auch in die Läufe und Flanken seiner Beute, um diese zum Fallen zu bringen. Er öffnet den Bauchraum um an die inneren Organe zu gelangen (Wobei Magen und Darm grundsätzlich nicht vom Wolf gefressen wird). Dabei hat er keine Probleme die Rippen seiner Beute zu durchbeißen. Seine Eckzähne am Oberkiefer haben einen Abstand von 4 cm, die des Unterkiefers 3 cm. Im Vergleich dazu bevorzugt der Hund viele ungezielte Bisse, die nicht nur in der Kehle der Beute zu finden sind. Durch mehrfaches Nachfassen und Schütteln der Beute sind die Bisse blutiger. Im Ganzen hat der Hund nicht so viel Beißkraft wie der Wolf. Um den Drosselbiss eindeutig zu erkennen, muss die Haut des Opfers abgezogen werden. Die Beute wird häufig 20 Meter und mehr in Richtung Deckung geschleppt.

Riss
Vom Wolf gerissenes Rotwildkalb
Foto: Norman Stier



Begegnungen der unheimlichen Art - Wie verhalte ich mich als Mensch?

Ist der junge Wolf neugierig, kann es schon mal vorkommen, dass er Mensch und Hund oder Pferd auch parallel mehrere Meter begleitet. Vermehrt gibt es in Deutschland auch immer mehr Sichtungen von Wölfen in Dörfern und auch Begegnungen mit Wölfen, bei denen sich der Wolf eher nicht scheu zeigte. In der Regel sind Wölfe aber doch scheue Tiere und meiden den Kontakt zum Menschen. Begegnungen mit dem Wolf sollten unbedingt dem nächsten Wolfsberater (über den Landkreis zu erfahren) gemeldet werden.

Die Internetseite http//www.chwolf.org gibt folgende Hinweise bei der Begegnung mit dem Wolf:

"Verhalten bei Wolfsbegegnungen

Wanderer, Biker, Jogger und Reiter werden den Wolf kaum je zu Gesicht bekommen. Die Tiere sind sehr scheu und vermeiden es in der Regel, Menschen direkt zu begegnen. Sie bemerken die Menschen frühzeitig und suchen das Weite. Sollte es doch einmal zu einem dieser seltenen Zusammentreffen kommen, bleiben Sie stehen, verhalten Sie sich ruhig und geben Sie dem Wolf die Möglichkeit sich zurückzuziehen. Vor allem Junge noch unerfahrene Wölfe sind meist neugieriger und weniger scheu als alte Wölfe und begeben sich eher einmal in eine unvorteilhafte Situation. Eine solche Situation stellt für Sie keine Gefahr dar. Aber versuchen Sie auf keinen Fall ein Tier anzulocken oder zu füttern. 

Falls der Wolf nicht von selbst wegläuft und Ihnen die Situation nicht geheuer ist:
  • laufen Sie nicht davon, sondern gehen Sie langsam rückwärts
  • sprechen Sie laut oder klatschen Sie in die Hände
Sollte der Wolf Ihnen sogar folgen, so bleiben Sie stehen und versuchen Sie ihn einzuschüchtern, indem Sie sich groß machen, ihn laut anschreien und eventuell etwas nach ihm werfen.

Wenn Sie mit Ihrem Hund spazieren gehen

In Wolfsgebieten sollten Sie den Hund grundsätzlich an die Leine nehmen. Wölfe können auf freilaufende Hunde aggressiv reagieren. Es ist trotzdem nicht ganz ausgeschlossen, dass sich ein Wolf ihrem angeleinten Hund nähert und dabei die Anwesenheit des Menschen ignoriert. In diesem Fall sollten Sie den Wolf laut ansprechen und in die Hände klatschen. Sollte ihn das nicht bereits auf Abstand halten oder in die Flucht schlagen, gehen Sie langsam rückwärts und sprechen Sie laut, den Hund nahe bei sich. Stellen Sie dabei sicher, dass Ihr Hund nicht von sich aus versucht, den Wolf anzugreifen. 

Wolf am Riss
Überraschen Sie einen Wolf an einem Beutetier, so ziehen Sie sich langsam wieder zurück und versuchen Sie nicht, zum Riss zu gehen oder diesen zu entfernen."

Weitere Empfehlungen zu der Begegnung mit Wölfen erhält man auch bei vielen Naturschutz- und Umweltbehörden wie z.B. für Niedersachsen, den Landkreisen und den Naturschutzverbänden.
PDF Seiten zum download:
Flyer "Wolfsbegegnung - Was nun?" des Landkreises Lüneburg / Niedersachsen
Flyer "Wolfs-Begegnungen" BUND
Flyer "Wenn Sie einem Wolf begegnen" Wolfsregion Lausitz

Anlaufstellen

Bei den örtlichen Landkreisen erhält man die Kontaktdaten der jeweils zuständigen Wolfsberater. Sie informieren regional und nehmen u.a. auch Hinweise zu Wolfssichtungen an. Weitere Informationen könnt ihr auch auf folgenden Seiten erhalten:

Niedersachsen

Niedersächsisches Umweltamt
www.wildtiermanagement.com
Wolfsberater Niedersachsen

Schleswig-Holstein

www.wolfsbetreuer.de
Landesjagdverband Schleswig-Holstein

Brandenburg

Landesamt f. Umwelt, Gesundheit, Verbraucherschutz

Mecklenburg Vorpommern

www.wolf-mv.de

Sachsen

Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz


Weitere Infos, überregionale Seiten

Weitere Wolfsarten Beschreibung von weiteren Unterarten des Wolfes
www.jagderleben.de
Jagdverband
NABU
Freundeskreis freilebender Wölfe e.V.

Aber auch die Seiten derer, die die Wiederansiedelung des Wolfes als kritisch sehen, sollen hier erwähnt werden:
www.wolf-nein-danke.de

Gerne nehme ich weitere Seiten auf und ergänze den Beitrag noch. Hinweise schickt ihr mir am besten per Email: pferdeosteopathie-lueneburg@gmx.de.

Bedanken möchte ich mich bei den Herausgebern der Bilder für die Genehmigung der Nutzung.

Samstag, 10. Januar 2015

Wie lernt das Pferd?

Der Frühling nähert sich demnächst wieder und es wird Zeit, den Pferdenachwuchs auszubilden. Die Ausbildung eines Pferdes ist mehr als nur die Gewöhnung an den Reiter und das Reiten selbst. Jeder Ausbilder eines Pferdes, egal was er ihm beibringen möchte, muss sich darüber im Klaren sein, dass er dem Pferd eine neue Sprache beibringt. Die Bedeutung dieser Sprache, unserer Hilfen, muss Stück für Stück erklärt werden. Es bedarf schon einiger Erfahrung und auch ein gewisses Feingefühl zu erkennen, warum ein Pferd etwas nicht ausführt. Man kann sich das vielleicht selber besser verständlich machen, wenn man an seine eigene Schulzeit denkt. Auch dort haben wir doch alle mindestens eine Fremdsprache gelernt. In diesem Beitrag möchte ich euch die Bedeutung des Lernens und Belohnen näher erklären. Dabei geht es nicht nur um junge Pferde, sondern um das Lernen im Allgemeinen. Doch sehen wir uns das Ganze einmal genauer an.

Die Ausgangssituation

Als Fluchttier ist das Pferd in der Lage potenzielle Gefahren seiner Umgebung auszuloten. Jedes neue Element zieht seine Aufmerksamkeit auf sich. Es wird mit früherem verglichen und entsprechend der gemachten Erfahrung eingeordnet.

Das Lernverhalten des Pferdes basiert in erster Linie darauf, Wohlbefinden anzustreben und unangenehme Situationen zu vermeiden. Daraus ergibt sich eine Mischung aus operanter (durch Sanktionen beeinflusst) und klassischer Konditionierung in der Pferdeausbildung.

Wenn ein Reiter mit einem Pferd bedeutende und rasche Fortschritte erzielen kann, dann aufgrund einer scharfsinnigen Ausbildungsstrategie, die die Psyche des Tieres, seine Anatomie, die Gebote der Bewegungsmechanik und die Gesetze des Gleichgewichts mit einbezieht.

Die Stärke eines guten Ausbilders liegt in der Art und Weise, wie er ein Programm aus logisch aufeinander folgenden Lerneinheiten aufstellt. Je sinnvoller diese für das Pferd sind, desto mehr wecken sie seine Neugier und tragen zum spielerischen Charakter seiner Arbeit bei.

Konditionierung - Lernen

In der Pferdeausbildung unterscheiden wir zwei wichtige Varianten der Konditionierung:

Operante Konditionierung nach Skinner:

B. F. Skinner teilte die Ansicht von Thorndike, dass jedes Verhalten durch bereits erfahrenes beeinflusst wird. 1930 führte er Versuche mit Tauben und Ratten mit der "Skinnerbox" durch. Diese Box war ein Käfig, in´dem zum Beispiel eine Versuchsratte eingesperrt wurde (siehe Zeichnung). In diesem Käfig befanden sich einige Signallampen, ein von außen befüllbarer Fressnapf und ein Hebel, bei dessen Betätigung je nach Versuch verschiedene Konsequenzen dargeboten wurden. Es gab verschiedene Varianten des Versuchaufbaus: Ratte 1 bekam Futter wenn sie den Hebel betätigte, Ratte 2 konnte mit dem Hebel Strom, der durch den Boden der Box floss, ausschalten und Ratte 3 bekam einen Stromschlag, wenn sie den Hebel betätigte. Nach mehreren Versuchen kam Skinner zu dem Ergebnis, dass Ratte 1 und 2 immer wieder den Hebel betätigten und Ratte 3 diesen gar nicht mehr betätigte. Weitere Versuche mit dem Hebel und Signallampen folgten. So bekamen die Ratten nur Futter, wenn sie den Hebel betätigten und eine Signallampe leuchtete. Die Tiere konnten auf verschiedene Ergänzungen konditioniert werden. Es galt nicht nur eine Tätigkeit (Betätigen des Hebels) auszuführen sondern es musste eine zweite Bedingung (das Brennen der Lampe) erfüllt sein.
Die Ratten in der Skinnerbox hatten gelernt, durch das eigene Verhalten positive oder angenehme Konsequenzen herbeizuführen und unangenehme Konsequenzen zu vermeiden bzw. zu verringern. 


Bildquelle: Lefrancois (1994, 36)


Bei der operanten Konditionierung erfolgt eine Verstärkung auf eine gezeigte Verhaltensweise. Als Verstärkung zählt eine bestimmte Konsequenz, die über die Wiederholung des gezeigten Verhaltens entscheidet. Skinners Lerntheorie basiert auf dem Einsatz der Verstärkung nachdem ein "lernendes" Individuum eine erwünschte Verhaltensweise gezeigt hat. Für unsere Erklärung der Hilfen bedeutet das z. B. die richtige Reaktion auf einen gesetzten Reiz, wie z. B. die Gertenhilfe zum Antreten, werden belohnt (Verstärker). Unerwünschte Reaktionen werden durch einen Strafreiz geahndet. Das kann bereits ein Aussetzen der Belohnung sein. Durch die Kombination mit der Stimmhilfe wird das Pferd rasch begreifen, was von ihm verlangt wird. Der Einsatz der Einwirkung mit der Gerte wird mit der Zeit immer minimaler und das Pferd reagiert immer feiner.

Da das Ausbleiben einer erwarteten Konsequenz auch als Strafe angesehen werden kann, ist es möglich, dass dieses Aussetzen auch ein Verstärken der Verhaltensweise auslösen kann. Bsp. ein Kind fängt an zu schreien, weil es etwas haben möchte. Bekommt es das nicht, so schreit es noch lauter. Es ist also wichtig und auch schwierig, diesen Verstärker ausfindig zu machen. Ebenso kann auch das dauerhafte Ausbleiben eines Verstärkers das Verhalten mindern und löschen.

Aus seinen Experimenten leitete Skinner das Prinzip der Verstärkung ab: "Verstärkung ist der Prozess, der dazu führt, dass ein spontan gezeigtes Verhalten vermehrt auftritt." Hobmair (1996, 149)

Eine detaillierte Information zu der operanten Konditionierung nach Skinner könnt ihr auf der Seite der Uni Duisburg-Essen nachlesen. Uni Duisburg-Essen: Skinner

Klassische Konditionierung nach Pawlow:

Der russische Physiologe I. P. Pawlow ist bekannt für seine Versuche mit Hunden. Durch Zufall entdeckte er dabei die Zusammenhänge der klassischen Konditionierung. Seine Entdeckung war, dass die Hunde verstärkt speichelten, wenn seine Assistenten den Hunden das Futter brachten. Die Hunde begannen bereits zu speicheln, wenn sie die Assistenten oder das Futter noch nicht sehen konnten aber bereits hörten.

Der bekannteste Versuch von Pawlow war folgendermaßen aufgebaut: durch einen neutralen Reiz (löst keine spezielle Reaktion aus), der zu der Futtergabe wiederholt erfolgte, löste Pawlow bei den Hunden ein verstärktes Einspeicheln (unkonditionierte und angeborene Reaktion/Reflex) aus. Der neutrale Reiz war in diesem Fall das Ertönen einer Glocke. Bald genügte das Erklingen der Glocke allein, um das vermehrte Einspeicheln auszulösen. Der Hund hatte den Glockenton mit dem Futter assoziiert. Es entstand eine Erwartungshaltung beim Erklingen der Glocke. Durch Wiederholung wird aus dem neutralen Reiz ein konditionierter / erlernter Reiz, durch den der angeborene Reflex (Einspeicheln) konditioniert (erlernt) wird. Wichtig ist dabei die zeitnahe Durchführung, um den Reiz mit dem Reflex zu koppeln.

Bildquelle: Wikipedia Pawlowscher Hund

Auch hier gibt es wieder eine umfassende Information über den Versuchsaufbau von Pawlow auf der Seite der Uni Duisburg-Essen. Uni Duisburg-Essen: Pawlow

Die klassische Konditionierung ist die einfachste Art zu lernen. Hier werden angeborene Reflexe / Reaktionen mit einem bestimmten Reiz ausgelöst. Es ist die einfachste Form des Lernens. Im Pferdebereich bekannt ist das Clickertraining, bei dem der Reiz das Knacken des Clickers ist.

Bei jeder Form der Konditionierung müssen die körperlichen und psychischen Voraussetzungen geschaffen sein.

Lernschema

Um dem Pferd die Hilfen verständlich zu machen, ist es sinnvoll, sich an ein festgegebenes Lernschema zu halten. Das verhindert, dass unerwünschte Reaktionen auftreten oder etwas vergessen wird.
  1. Sprache der Hilfen – Feststellen, dass das Pferd die jetzt benötigten Hilfen versteht

  2. Zielsetzung – Auf Grundlage des Könnens den kleinstmöglichen Fortschritt ermitteln

  3. Vorbereitung – Aufmerksamkeit des Pferdes für das angestrebte Lernziel schaffen

  4. Ausführung – Das Pferd in Bezug auf Haltung, Gleichgewicht und Bewegungsablauf in eine Situation bringen, in der es mit absoluter Sicherheit mit einem Ansatz des gewünschten Verhaltens reagieren wird

  5. Lob – sofortiges Lob um die Richtigkeit der Reaktion zu bestätigen

  6. Wiederholung – Ausführung und Lob wiederholen um das neue Verhalten zu verbessern und festigen

  7. Vervollkommnung – Das neue Verhalten mehr einprägen lassen. Die Bedeutung der Vorbereitung tritt dabei zugunsten der auslösenden Hilfen zurück. Nach und nach genügen die auslösenden Hilfen

  8. Bilanz – Ein erlerntes Verhalten hat nur dann einen wirklichen Wert, wenn es sich in einen größeren, schlüssigen Zusammenhang einfügt, vorangegangene Etappen verbessert und als Vorbereitung für zukünftige Erfahrungen dient.

Es ist überaus bedeutsam, dass sich der Ausbilder darüber im klaren ist, dass die ausführenden Hilfen nicht widersprüchlich sind. Ein sehr gutes Beispiel ist hier das Antreten an die anstehende Hand oder auch das Rückwärtsrichten mit dem treibenden Schenkel. Hat der Reiter dem Pferd einmal vermittelt, was die annehmende Zügelhilfe bedeutet (Bsp. Anhalten), so ist es für das Pferd missverständlich, wenn diese auch für eine komplett andere Reaktion (aus dem Halten antreten) eingesetzt wird. Das Pferd wird im Halten zappelig, da es ein sofortiges Antreten durchführen möchte. Die Hilfen dafür sind ja da. Ein weiteres Beispiel ist das Rückwärtsrichten mit dem am Gurt treibenden Schenkel. Das Pferd hat gelernt, dass der am Gurt treibende Schenkel vorwärts bedeutet. Wird er nun auch für Rückwärtsrichten konditioniert, so ist das Pferd erst einmal verwirrt und verweigert die Ausführung. Je nach Pferdetyp kann so etwas auch gefährlich werden. Folgt dann vom Reiter noch die Bestrafung über die Gerte, so konditionieren wir das Rückwärts bzw. die Hilfen dazu gleich negativ. Ein Grund, warum viele Pferde Probleme mit dem Rückwärtsrichten oder auch dem Anhalten haben.

Folgen falscher Konditionierung

Pferde leben zweidimensional. Sie bewegen sich hauptsächlich in der Gegenwart, werden aber durch Erinnerungen aus der Vergangenheit stark beeinflusst.

Das Abspeichern von Bewegungsabläufen erfolgt im Unterbewusstsein. Hier werden Bewegungsabläufe, Schonhaltungen, Schmerzzustände etc. gespeichert. Alles, was das Pferd lernt, wird hier abgespeichert. Positives und auch negatives.

Sind die körperlichen und psychischen Voraussetzungen unzureichend geschaffen, wird sich das Gelernte negativ im Pferd festsetzen. Das „fehlprogrammierte“ Pferd zu „redressieren“, dauert mindestens 3 bis 4-mal länger als eine Neuprägung des Pferdes und benötigt eine absolute Fachkompetenz des Ausbilders. Korrekturen können nicht einfach mit Hilfszügeln weggeritten werden. Die Basisarbeit muss gründlich nachgeholt werden. Das Auftreten des "Fehlers" muss weitestgehend bzw. komplett verhindert werden. Wie schon bei der operanten Konditionierung geschrieben, wird das Auslassen des Verstärkers das Verhalten mindern und schließlich löschen.

Schlussfolgerung

Eines muss sich jeder im Klaren sein: das Pferd lernt IMMER! Jeder Bewegung, jedes Verhalten von Artgenossen oder Menschen usw. sorgen dafür, dass das Pferd etwas lernt. So sollten wir sorgsam und bedacht im Umgang mit Tieren und Menschen sein. Unser Verhalten beeinflusst auch deren Verhalten. Lassen wir eine ungeforderte Reaktion im Training oder Umgang durchgehen oder korrigieren wir auch kleine ungewünschte Abweichungen nicht, dann dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn etwas nicht klappt.
Und noch etwas, bei vielen Pferdemenschen ist es noch sehr verbreitet, dem Pferd zu unterstellen, dass es bein Arbeitsverweigungerung keine Lust hat, sich nur dem Training entziehen will oder ähnliches. Das ist absoluter Quatsch und entspricht nicht dem Verhalten von Pferden. Wenn ein Pferd sich weigert etwas zu machen, dann liegt es daran, dass es ihm nicht richtig erklärt wurde oder es das aus z. B. gesundheitlichen Gründen nicht kann. Für den Menschen ist es einfacher, dem Pferd die Schuld zugeben aber nicht nicht intelligenter.

Samstag, 12. Juli 2014

Vortrag "Verpannungen und Blockierungen beim Pferd"

Am 08. August 2014 halte ich für die VFD (Vereinigung der Freizeitreiter- und Fahrer in Deutschland e.V) einen Vortrag zum Thema "Verspannungen und Blockierungen beim Pferd"

Einladung
zum Vortrag
Verspannungen und Blockierungen beim Pferd“
Moderation: Marion Wiesmann, Pferdeosteopathin & Trainerin

Es kann jedem Pferdebesitzer schnell passieren: ein kleiner Ausrutscher, der Ausritt am Wochenende bei schönem Wetter nach einer Reitpause, Stehtage nach Verletzungen, rumrüpeln mit dem Weidekollegen, unpassende Ausrüstung uvm. Gründe, warum und wodurch sich ein Pferd Verspannungen und Blockierungen zuziehen kann gibt es viele. Wichtig ist, dass der Besitzer das erkennt und entsprechend handelt.
Marion Wiesmann erläutert an diesem Vortragsabend u. a. die Entstehung, Folgen, was im Körper des Pferdes geschehen ist und gibt einen Einblick in die Maßnahmen, die der Pferdebesitzer selber durchführen kann.
Zu diesem Vortrag ist ein Praxisseminar im September geplant, indem das Wissen vertieft wird und Anleitungen zu praktischen Handlungen vermittelt werden. Die Ausschreibung folgt in Kürze.

Veranstaltungsort: Café Himmelhoch Horndorfer Weg 4 • 21368 Harmstorf


Zeit und Ablauf: Freitag 08. August .2014, Beginn 19:00h


Teilnahmegebühren: kostenlos

Veranstalter: VFD Bezirksverband Lüneburger Heide und Wendland
im Landesverband der VFD Niedersachsen und Bremen e.V.


Anmeldungen an: Marion Wiesmann per Mail: marion.wiesmann@vfdnet.de

Anmeldeschluss: 06. August um 18.00h


Mindestteilnehmerzahl: keine


Maximale Teilnehmerzahl: 30 Personen


Weitere Infos unter: www.vfdnet.de
Niedersachsen/Bremen >Lüneburger Heide und Wendland

Donnerstag, 9. Januar 2014

Reitkurs bei der VFD in 28857 Syke am 05. und 06. April

Ausschreibung eines Reitkurses mit mir

Veranstalter: VFD Bezirksverband Syke 

Titel   „Légèreté – Reitkurs“ – „Pferdeausbildung mit Leichtigkeit“ 

Leitung: Carmen Kruck / Marion Wiesmann 

Termin:  05./ 06.April 2014 

Anmeldung:  spät. bis zum 28.03.2014; frühzeitige Anmeldung wünschenswert  
  
Teilnehmergebühr: für VFD-Mitglieder     170,-€   Für Nicht-Mitglieder (inkl.20,-€. Organisationsp.) 190,-€   Teilnahme als Zuschauer VFD:     10,-€   Teilnahme als Zuschauer Gast     15,-€ 
Teilnehmergebühr ohne Verpflegung. Vor Ort besteht Versorgungsmöglichkeit. 

Teilnehmer:  min: 6    max: 7 

Ort:   Fam. Kuhne HIT Aktiv-Stall in 28857 Syke, Falldorf 21    Paddockmöglichkeit vor Ort zzgl.10,-€ /Tag, und 10,-€ /Nacht  

Bedingungen: gemäß Leitlinien VFD    Und den Richtlinien des örtl. Gastgeberhofes.
 
Beschreibung: Wochenend-Reitkurs für Reiter mit eigenem Pferd. Unterrichtet wird individuell nach Kenntnisstand von Reiter und Pferd. Weitere ausführliche Beschreibung in der gesamten Ausschreibung.
  
Beginn: 1.Tag Samstag: 9.00 Uhr mit Theorieteil; im Anschluss praktische Einzelunterrichteinheiten zu je 45 min je Teilnehmer. 

2. Tag Sonntag: 9.00 Uhr 2 x Einzelunterrichteinheiten zu je 45 min vormittags, und 30 min nachmittags je Teilnehmer.   
  
Informationen und komplette Aussschreibungs und Anmeldeunterlagen bei  :
Carmen Kruck     carmen@wattritt.de. / tel.0171-1779072  
oder
Martin Rühl     martin@wattritt.de / tel. 0171-7737196

Gebisse - Die Qual der Wahl!


In diesem Beitrag geht es um Gebisse, die wir für unsere Pferde zur Kontrolle, als Signalhilfe oder einige auch als Dauerhilfe mit nie oder wenig nachlassendem Druck verwenden. Auch eine Nutzungsmöglichkeit vieler ungeübter und unausbalancierter Reiter ist das Festhalten mittels der Zügel und des daran befindlichen Gebisses um sich auszubalancieren.

Allgemeine Wirkung

Über die wirkliche Wirkung von Gebissen, direkt auf den Pferdekörper, wird in der Literatur zum Teil nur eingeschränkt eingegangen. Sie basieren meist auf Erfahrungswerte oder weitergegebenen Wissen anderer Reiter bzw. Autoren. Wissenschaftliche Studien liegen bis jetzt nur wenige vor. Diese zeigen zum Teil neue Erkenntnisse als das bisher Geschriebene. Aber auch hier gehen die Meinungen und Ergebnisse auseinander.

Das Gebiss ist über die seitlichen Backenstücke, die auf beiden Seiten des Pferdekopfes entlanglaufen, am Kopfstück befestigt. Es übt Druck auf verschiedene Stellen im Pferdemaul und über den Trensenzaum auch am Kopf des Pferdes aus. Über die angebrachten Zügel „steuern“ wir die Signale unserer Zügelhilfen. Die Einwirkung des Gebisses ist immer in Form von Druck in unterschiedlicher Stärke und Dauer. Dabei gilt je feiner und kürzer, desto besser die Ausbildung von Pferd und Reiter. Eine kurzes und diskretes Signal muss das Ziel von Beginn der Ausbildung sein. Warum dem Pferd erst starke Signale und viel Druck beibringen. Das Pferd ist ein sensibles und aufmerksames Lebewesen, in dessen Maul diese Signale auch schon in extrem geringem Maße wahrgenommen werden. Das spätere Korrigieren der starken Signale gelingt den wenigsten Reitern. Vielmehr „gewöhnen“ sich mit der Zeit beide an die zu starken Zügelhilfen und es wird zum normalen Alltag.

  Auf folgende Teile des Pferdemauls üben Gebisse Druck aus:

  • Die Laden – die freien Bereiche zwischen den Schneide- und Backenzähnen
  • Den Gaumen auf der unteren Seite des Oberkiefers
  • Die Zunge – besonders auf den empfindlichen Zungenrand
  • Die Lippen und Maulwinkel

  Außerhalb des Pferdemauls erzeugen sie direkt oder indirekt Druck auf:

  • Die seitliche Genickregion, in der die Backenstücke des Kopfstückes verlaufen
  •  Die Kinnfalte, in der der Sperrriemen verläuft
Auch wird über Teile des Kopfstückes, wie z. B. dem Reithalfter, noch an anderen Stellen des Pferdekopfes, z. B. dem Nasenrücken, unwillkürlich eingewirkt.
Genau diese Druckkräfte sind bei einer deutlichen bis starken Verbindung enorm und zum Teil brutal. Dies ist der Grund, weshalb in den Reitvorschriften nur eine ganz leichte und feine Verbindung gefordert wird. Die Realität sieht leider überwiegend anders aus. Die geforderte Kraft mit der über die Zügel eingewirkt werden muss, darf nur wenige "Gramm" betragen. Eine Studie mit Berechnungen von Preuschoft (1990) ergab, dass, je nach Passform der Trense, auf die Zunge das 1,5 fache bis 4 fache der angewandten Zugkraft pro Zügel ankommen. Das ist schon erheblich. Bei Hebelgebissen kann das zu Frakturen oder Haarrissen im Kiefer kommen. Auch die Zunge kann hierdurch erheblich verletzt werden. Die Zunge ist sehr empfindlich. Hier enden viele Nerven.

Passform / Anpassung im Maul

Die Größe und Passform des Gebisses ist enorm wichtig! Man kann dies mit passenden und nicht passenden Schuhen beim Menschen vergleichen. Jedes Pferd hat eine andere Maulform. Im Wesentlichen senden Gebisse direkte Signale an das Pferdemaul über Druck. Ein dünneres Gebiss übt mehr punktuellen Druck auf die Laden aus, während ein dickeres Gebiss den Druck auf die Laden etwas mehr verteilt. Eine Gebissstange übt mehr Druck auf die Zunge des Pferdes aus. Je fleischiger die Zunge dabei ist, desto mehr Druck wird von den Laden genommen und von der Zunge aufgefangen.

Bei der Größe des Gebisses sind im hauptsächlich folgende Faktoren wichtig:
  • Breite des Pferdemauls – Länge des Gebiss
  • Länge der Maulspalte – Länge des Gebiss bei gebrochenen Gebissformen
  • Breite des Unterkiefer - bei doppelt gebrochenen Gebissen
  • Wulstigkeit von Zunge und Lippen – Dicke des Gebiss
  • Höhe der Gaumenkuppel (Unterseite des Oberkiefer)
  • Alter des Pferdes ( je älter, desto flacher die Schneidezähne und dadurch flachere Maulhöhle) – bei Zungenfreiheit und Dicke des Gebisses zu beachten
Das Gebiss soll so im Pferdemaul liegen, dass:
  • die Hengstzähne nicht berührt werden - ACHTUNG: auch Stuten haben häufig kleine Hengstzähne!!!!
  • weder Backen- noch Schneidezähne berührt werden
  • die Gebissringe die Maulwinkel frei lassen und nicht quetschen sowie keine Haare oder Haut einklemmen. Die Löcher durch die die Gebissringe gleiten, dürfen nicht von Haut oder Haaren bedeckt sein und müssen auf beiden Seiten komplett sichtbar sein
  • die Gelenke bei doppelt gebrochenen Gebissen nicht auf den Unterkieferladen bei leicht einseitigem Zügelzug rubbeln. Fast jeder Reiter neigt allein schon durch seine Rechts- oder Linkshändigkeit zu etwas ungleichmäßiger Einwirkung. 
Bei der Auswahl des Gebisses sind neben seiner eigentlichen Nutzung auch die anatomischen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Manchmal kann man eben nicht das Gebiss, das man gerne hätte nehmen. Wenn das Pferdemaul dazu nicht passt, muss man halt was anderes nehmen. Je dicker die Zunge ist, desto besser kann diese den Druck auf die Laden abpolstern, bekommt aber selber mehr Druck ab. Die Zunge kann dem Druck nur entweichen, indem sie hochgezogen wird oder an der Seite raushängt. Deutliche Signale für brutale Einwirkung oder ein unpassendes Gebiss. Hier ist z. B. ein dickes Gebiss unpassend. Bei der Länge des Gebisses muss auf jeden Fall an den Maulwinkeln genügend Platz sein. Hier darf weder die Haut noch die feinen Haare eingeklemmt werden. Ein zu kleines Gebiss führt auch dazu, dass die Gebissringe an den Kopf und die Zähne gedrückt werden. Das kann zu ziemlichen Verletzungen u. a. der Maulschleimhaut führen. Auch ein zu langes Gebiss ist nicht optimal. Es schlägt vielleicht gegen die Zähne, das Pferd kann die Zunge drüberstrecken und es liegt sehr unruhig im Maul. Eine ungefähre Länge des Gebisses erhält man, wenn man den Abstand der beiden Maulwinkel zueinander vermisst und dazu noch ca. 1 cm dazuaddiert. Somit hat man einen ersten Anhaltspunkt über die Länge des Gebisses. Dies variiert aber noch je nach Ausführung. Die Empfehlung ist, doppelt gebrochene Gebisse um 0,5 cm kleiner zu wählen als einfach gebrochene. Ein anatomisch geformtes Gebiss eher etwas weiter.
Für die Höhe der Verschnallung gab es immer die alte Regel in der Reitliteratur, dass in den Maulwinkeln 2 Hautfalten sichtbar sein sollen. Diese Regel ist nur bedingt gültig, da in der heutigen Zeit viele Pferderassen dazugekommen sind und es etliche verschiedene Gebisse gibt. Mag gut sein, dass diese Regel prima funktioniert hat, als hauptsächlich Warmblüter und Kaltblüter zum Einsatz kamen. Hat das Pferd aber eine kurze Maulspalte, kann bei der Höhe der Verschnallung schnell die Grenze erreicht sein. Man sieht dann häufig Pferde mit Gebissen, die an die Schneide- oder Hengstzähne schlagen oder Pferde mit einem "Dauergrinsen" im Gesicht, weil das Gebiss zu hoch verschnallt wurde. Ein höher verschnalltes Gebiss liegt ruhiger im Maul als das tiefer eingeschnallte Gebiss. Bei jungen Pferden, die noch sehr verspielt mit der Zunge sind, habe ich auch schon ein etwas erhöhte Verschnallung gewählt.
Ich kenne z. B. zahlreiche Isländer mit doppelt gebrochenem Gebiss, wo dieses gegen Zähne schlägt oder das Mittelstück viel zu breit ist. Bei einem schmalen Unterkiefer "rubbeln" die Gelenke des Mundstückes auf den Laden. Es ist daher bei jedem Pferd genau die Lage des Gebisses zu prüfen. Ich persönlich nehme immer die 2 Faltenregel als grobe Orientierung und mache dann den „Feinschliff“. Eine wichtige Sache, die bei der Verschnallung der Trense bedacht werden sollte ist, dass die Schnallen der Trense nicht auf den kleinen Kiefergelenken sitzen darf. Dieses kann zu Irritationen im Gewebe führen, da ein ständiger Reiz auf die Haut und den darunter liegenden Schichten ausgeübt wird. Auch darf das Kopfstück nicht an den Ohren oder der Stirn klemmen. Blockierungen können die Folge sein.

Gängige Gebisse und ihre Wirkungsweise

Grundsätzlich wirken die Gebisse mittels ausgeübten Druck und dem Loslassen über die nachgebende Zügelhilfe. Das Pferd sucht sich bei Druck eine angenehmere Position. Folgt es dieser Aufforderung, dann belohnt der Reiter über das Nachlassen des Drucks das Pferd und fördert so einen positiven Lerneffekt.
Unterschieden werden im wesentlichen folgende Gebissevarianten: Gebisse mit direkter Einwirkung, die Trensengebisse, und Gebisse mit Hebelwirkung wie z. B. Kandaren und Pelham.

Trensengebisse

 Das Trensengebiss setzt sich aus den Seitenstücken (Ringe) und dem Mundstück zusammen. Diese Teile gibt es in unterschiedlichen Ausführungen. Ich erläutere einmal die landein bekannteren Trensengebisse.


Wassertrense
Bei der Wassertrense gibt es 2 Varianten des Mundstücks. Zum einen das einfach gebrochene Mundstück. Hier besteht das Mundstück aus 2 Seitenteilen die in der Mitte ein bewegliches Gelenk besitzen. Durch die Konstruktion des Gelenks sind die Seitenteile etwas unterschiedlich in der Länge. (Aber Achtung: Es gibt auf dem Markt Gebisse mit deutlich unterschiedlich langen Seitenteilen. Diese wurden, meines Kenntnisstand nach, für Menschen mit ungleicher Handeinwirkung entwickelt.) Durch das gebrochene Mundstück ist eine einseitige Einwirkung auf das Maul möglich.
Besteht die Wassertrense aus 3 beweglichen Gebissteilen, also ein kurzes Mittelstück und 2 gleichlange Seitenteile, so bezeichnen wir das als doppelt gebrochene Wassertrense. Die Ausführungen dieser Form der Wassertrense sind sehr unterschiedlich. So gibt es hier Mittelstücke, die eine besondere Form, ähnlich einer Olive, aufweisen oder auch speziell gedrehte Mittelstücke.

Die Seitenstücke der Wassertrensen gibt es in verschiedenen Varianten. Es gibt einfache Ringe aus Metall, die durch Löcher am Rand des Mundstücks verlaufen. Die Ringe sind frei beweglich. Dabei gilt: je kleiner die Ringe sind, desto direkter wirkt der Zügelzug. Je größer die Ringe, desto länger ist der Weg, bis der lockere Zügel in Spannung kommt.
Die Bezeichnung des Trensengebisses richtet sich nach der Form der Seitenstücke. Bei einer Olivenkopftrense oder auch D-Ringtrense sind die Seitenstücke eingeschränkter beweglich. Sie liegen dadurch ruhiger im Maul. Durch die Form der Anbringung zwischen Mundstück und Seitenstück gibt es einen Schutz vor Einklemmen der empfindlichen Mundwinkel.
Die Schenkeltrense hat zusätzlich noch an jedem Seitenstück 2 Verlängerungen/Stege. Diese 3 Varianten (Schenkel-, Olivenkopf- und D-Ringtrense) verhindern zusätzlich noch ein Durchziehen des Gebisses bei einseitiger Zügeleinwirkung. Besonders die Schenkeltrense unterstützt die seitwärts weisenden Zügelhilfen durch ein "herüberdrücken" des Pferdekopfes. Die D-Ringtrense findet man eher im Rennsport als im normalen Reitsport. Bei all diesen Gebissen werden die Zügel direkt in die Seitenteile eingeschnallt.
 


Olivenkopftrense einfach gebrochen
Foto: Privat

Schenkeltrense mit Seitenstücken in Olivenkopftrensenform
Foto; Privat

Stangengebiss aus Gummi, sehr dick
Foto: privat

D-Ringtrense mit Einsätzen aus Kupfer, hier Gefahr von
"galvanische Zelle" siehe unter Kupfergebissen
Foto: privat



Doppelt gebrochene Wassertrense, das Mittelteil als Platte. Meiner Meinung nach
eher nicht zu empfehlen, da sich die Platte in die Zunge bohren kann.
Foto: privat



Hebelgebisse
Als Hebelgebisse bezeichnet man alle Gebissformen, deren Zugwirkung nicht direkt am Ring des Mundstückes beginnt. Sie gehören nicht in die Hände von unerfahrenen Reitern und sind auch nicht zum Erzwingen von Durchlässigkeitsproblemen da! Zu den gängigen Hebelgebissen zählen die Spring- und Dressurkandaren, das Pelham sowie verschiedene Kandarenformen aus anderen Reitweisen.
Das Hebelgebiss ist in der Regel ein Stangengebiss an dessen Seite jeweils ein Oberbaum und ein Unterbaum angebracht sind. Am Ober- und Unterbaum gibt es verschiedene Verschnallmöglichkeiten für Zügel. Bei der Dressurkandare wird der Zügel am Unterbaum befestigt- Das Gebiss wird am Ende des Oberbaum an den Backenstücken für den Kandarenzaum befestigt. Die Stärke der Hebelwirkung richtet sich nach der Länge der Stangen und dem Größenverhältnis der beiden Bäume zueinander.
Ein Hebelgebiss, egal welcher Art, kann nur zu Beugung des Genicks genutzt werden. Eine andere Form der Einwirkung ist nicht möglich. Es kann keine einseitige Zügelhilfe bei ungebrochenen Gebissen eingesetzt werden. Dieses führt zu einer Verkippung des Gebisses im Maul. Die Kandare wirkt auf dreifache Weise: Zum einen wird durch Zug am Zügel ein Zug auf das Maul in Richtung Reiterhand ausgeübt, zum anderen der Unterkiefer zwischen Stange und Kinnkette gedrückt, wodurch bei zu starkem Zug Quetschverletzungen entstehen können, die im Extremfall zu einem gebrochenen Unterkiefer führen können. Weiterhin entsteht durch den Hebel über das Zaumzeug ein Druck auf das Genick. Je nach Höhe der Zungenfreiheit wird der Druck im Maul mehr auf Zunge oder Laden ausgeübt.

  • Klassische Dressurkandare
Sie besteht aus einem Mundstück mit Kinnkette und einer zusätzlichen dünnen Unterlegtrense, die oberhalb der Kandare im Maul eingeschnallt wird. Geritten wird mit 2 Zügelpaaren. Das Mundstück ist immer ungebrochen und besitzt in der Mitte eine unterschiedlich hohe Wölbung, die Zungenfreiheit. Das Mundstück bildet den Drehpunkt, an dem die Hebel ansetzen. Am Oberbaum ist die Kinnkette befestigt. Sie wird ausgedreht an den jeweiligen Haken angehängt. Die Kinnkette sollte so lang verschnallt sein, dass sie erst bei einem 45° Winkel des Unterbaum zur Maulspalte wirkt. Je früher sie wirkt, desto schärfer und gefährlicher die Einwirkung. Ein Bruch des Unterkiefer kann hier schnell erfolgen. Am Unterbaum wird das zweite Zügelpaar verschnallt. Je nach Form des Seitenteils gibt es verschiedene Bezeichnungen für Kandaren. Es gibt z. B. "S"Kandaren mit in Form eines S gebogenen Seitenteil.

Dressurkandare mit hoher Zungenfreiheit. Hier ist der Übergang
zum Bogen sehr kantig. Kann sich in die Zunge bohren. Diese
Kandare hat einen langen Unterbaum im Verhältnis zum
Oberbaum. Hebelwirkund dadurch schärfer.
Foto: privat
Dressurkandare mit mittlerer bis hoher Zungenfreiheit.
Der Übergang zum Bogen ist besser abgerundet.
Das Verhältnis Oberbaum zu Unterbaum ist 1:2. Unterbaum ist
doppelt so lang wie Oberbaum.
Foto: Privat


Lage von Unterlegtrense und Kandare im Pferdemaul.
Kandare mit hoher Zungenfreiheit.
Foto: Privat

Vergleich Wassertrense/Unterlegtrense in der Dicke.
Oben: einfach gebrochene Wassertrense
Unten: einfach gebrochene Unterlegtrense
Foto: Privat

  • Pelham
Das Pelham ist ein Hebelgebiss, dass sowohl mit 2 oder mit 4 Zügeln geritten wird. Es besteht in der Regel aus einem gebrochenen oder ungebrochenen Mundstück, welches mit Hebelarmen und einer Kinnkette kombiniert wird. Es wird keine zusätzliche Unterlegtrense verwendet. Durch die Kombination der Verschnallung ist es ein Kombinationsgebiss zwischen Wassertrense und Kandare. Die Zügel werden in den Seitenteilen oder zusätzlich über einen Verbindungsriemen auch in den unteren Ring des Unterbaumes eingeschnallt, dann kann man mit einem Paar Zügel reiten. Bei 2 Paar Zügeln wird das zweite Paar in den Ring am Unterbaum verschnallt.

Pelham mit gebrochenem Mundstück und langem Umterbaum.
Foto: Privat
Pelham als Stangengebiss
Foto: Privat

  • Springkandare
Die Seitenstücke einer Springkandare sind meist aus mehreren aneinander gefügten Ringen oder haben Schlitze am äußeren Rand mit verschiedenen Einschnallmöglichkeiten der Zügel. Je tiefer die Einschnallmöglichkeit gewählt wird, desto schärfer die Hebelwirkung. (Anmerkung: Das Bild zur Springkandare zeigt das 3-Ring-Gebiss Wien von Sprenger. Das Gebiss gibt es ebenfalls mit 2 unteren Ringen und wird auch Pessoa Gebiss genannt. Einige Leser sind der Meinung, es handelt sich um ein Trensengebiss. Dies kann man aber schnell über z.B. Google herausfinden, indem man Springkandare in die Suchmaschine eingibt und sich die Bilder der Ergebnisse anschaut. Dieses abgebildete Gebiss wird als Springkandare bezeichnet. Wer die oberen Beschreibungen zu Trensengebissen und Gebissen mit Hebelwirkung richtig gelesen hat, dem wird auch klar, dass es sich um ein Hebelgebiss handelt.) Auch bei Springkandaren ergänzt meist eine Kinnkette die Schärfe der Einwirkung.

Springkandare 3-Ring von Sprenger
mit einem unteren Ring zum Einschnallen für die Hebelwirkung.
Foto: Privat
  • Kandaren in anderen Reitweisen und Fahrkandare
In verschiedenen anderen Reitweisen außer der klassischen und im Fahrsport werden ebenfalls Kandaren eingesetzt. Diese werden in der Regel mit einem paar Zügel geritten und sind dadurch überhaupt nicht für eine dauerhafte Zügelanlehnung gedacht. Beim Westernreiten hängt der Zügel z.B. durch und wird nur mit Impulsen eingesetzt. Die Zügel können am Unterbaum oder direkt am Seitenteil auf Höhe des Mundstück eingeschnallt werden. So wirkt der Hebel unterschiedlich stark.
Im Fahrsport wird sowohl mit Wassertrensen als auch mit Fahrkandaren gefahren. Die Fahrkandare hat ebenfalls keine zusätzliche Unterlegtrense. Die Fahrleinen werden individuell in den Ringen am Seitenteil oder in den Schlitzen am Unterbaum befestigt.

Westernbit mit hoher Zungenfreiheit und langem Unterbaum.
Hier wieder die ungünstige Materialkombination von Sweet Iron und
Kupfer. Bildung einer galvanischen Zelle möglich.
Foto: Privat


Liverpool Fahrkandare
Foto: Privat

Verhältnis Ober- und Unterbaum
Die Wirkung der Kandare verstärkt sich je größer das Verhältnis des Unterbaum zum Oberbaum ist.
Lange Unterbäume in Verbindung mit langen Oberbäumen lassen die Kandare „langsam“ und fürs Pferd vorhersehbarer wirken, das heißt erst nach einem gewissen Zügelweg wirkt der Hebel und das Gebiss. Lange Unterbäume zu kurzen Oberbäumen lassen die Kandare schnell und scharf wirken.



Die verschiedenen Gebissmaterialien mit Vor- und Nachteilen

Argentangebisse
Argentan oder auch German Silver ist ein Gemisch aus Nickel, Zink und Kupfer. Aufgrund des Nickelanteils können Pferde allergisch reagieren. Seine Farbe ist goldfarben. Da die Legierung sehr hart ist, hat es wenig Verschleiß. Ausserdem ist es korrosionsbeständig. Bei Import-Produkten sollte man aufpassen, da sie häufig Blei enthalten, was gesundheitsschädlich ist. 

Aurigangebisse
Aurigangebisse werden häufig gerne von Pferden genommen, da sie einen hohen Kupferanteil haben (ca. 85%). Kupfer entwickelt im Maul einen süßlichen Geschmack. Aurigan enthält keinen Nickel, daher können Allergien ausgeschlossen werden. Das Aurigan ist patentrechtlich geschützt und wird nur von der Firma Sprenger vertrieben. Neben Kupfer besteht das Material hauptsächlich aus Zink und Silizium. Auch dieses Material hat eine goldgelbe Farbe. Kommt Aurigan mit Speichel in Verbindung, so oxidiert es. Außerhalb der Maulhöhle wird dieser Vorgang allerdings gestoppt.

Einfach gebrochene Wassertrense aus Aurigan
Foto: Privat

Edelstahlgebisse
Edelstahlgebisse sind besonders glatt, leicht zu pflegen und halten bei richtiger Pflege sehr lange. Allergien sind nicht zu befürchten. Es ist ein weit verbreitetes Material und besitzt keinen Eigengeschmack. Es rostet nicht und ist sehr pflegeleicht. Der Verschleiß ist sehr niedrig.
Unterlegtrense aus Edelstahl
Foto: Privat

Eisengebisse - Sweet Iron
Ein Eisengebiss rostet durch den Speichel im Pferdemaul, was ein gewollter Vorgang ist. Der Rost schmeckt leicht süßlich und soll angeblich das Kauen anregen. Bei Eisengebissen muss man auf scharfe Kanten usw. achten, da sich der Rost in Teilchen löst. Es ist eher verschleißanfällig und muss regelmäßig kontrolliert werden. Durch seinen rostenden Effekt wirkt so ein Gebiss immer alt und dreckig. Es gibt aber auch Gebisse, bei denen die Seiten aus Edelstahl sind und nur der im Maul befindliche Teil aus Eisen ist. Diese Gebisse finden häufig im Westernreiten und im Freizeitbereich ihre Anwendung. Vorsichtig muss man sein, wenn diese Gebisse mit Kupferringen oder Kupferanteilen versetzt sind. Hier bildet sich eine sogenannte galvanische Zelle, also eine Batterie und es fließt Strom. Dies führt zu einem Kribbeln im Pferdemaul. Auch hier muss man bei Importware auf die Zugabe von giftigen Substanzen achten.

Gummigebisse
Bei diesen Gebissen ist das Ausgangsmaterial Kautschuk. Durch das weiche Außenmaterial sind sie sehr verschleißanfällig und müssen regelmäßig kontrolliert werden. Haben Pferde wenig Speichelfluss, z. B. durch ein festes Maul, so wirken Gummigebisse wie ein Radiergummi und können Verletzungen im Maul und an den Maulwinkeln erzeugen. Bei Gebissen aus Gummi unterscheidet man 2 Arten:
  1. Gummigebisse mit Eisenkern
    Sie sind sehr hart und nicht biegsam. Durch den harten Kernen halten sie länger als Gummigebisse ohne Kern. 
  2. Gummigebisse ohne Eisenkern
    Sie sind biegsam und Pferde spielen gerne damit. Leider werden sie auch öfter mal "durchgebissen". Durch das Spielen regen sie den Speichelfluss eher an.
    Stangengebiss Gummi ohne Eisenkern, sehr dick
    Foto: Privat

Kupfergebisse
Gebisse aus purem Kupfer kann man leider nicht verwenden, weil sie zu weich sind. Allerdings gibt es zahlreiche Legierungen oder Gebisse mit Kupferringen, Rollen usw. Ist Kupfer als klares Material zu erkennen, so kann es durch seine Reaktion mit anderen Materialien elektrische Spannung (Kribbeln) im Maul auslösen. Kupfer reagiert mit u. a. Zink (1,11 Volt) oder Eisen (0,79 Volt) und bildet eine „galvanische Zelle“ (Batterie). Es fließt Strom. Bei feiner Einwirkung der Reiterhand fördert es angeblich die Kaubereitschaft des Pferdes. Dadurch das Kupfer oxidiert muss es regelmäßig auf Grünspan untersucht werden.

Mittelstück aus Kupferlegierung
Foto: Privat

Ledergebisse
Ledergebisse sind in den letzten Jahren bekannter geworden. Sie sind weich  und passen sich der Anatomie im Maul an. Sie lassen sich schwer pflegen. Man kann es nicht einfach abwaschen. Ein neues Ledergebiss muss zunächst in Öl eingeweicht werden und dann vor jedem Reiten nochmal in Wasser, um eine gute Geschmeidigkeit zu erreichen. Nach dem Reiten, muss das Gebiss gut gesäubert und wieder mit Öl behandelt werden. Ein schlecht gepflegtes Ledergebiss ist bretthart und eine Tortur für jedes Pferdemaul! Auch hier soll der Eigengeschmack angeblich das Kauen anregen. Das führt natürlich wieder zu einer hohen Verschleißanfälligkeit.

Nathegebisse
Das Nathegebiss ist nach dem Kunststoff benannt aus dem es hergestellt wird. Dieser Kunststoff ist flexibel und recht weich, so dass Pferde sie durchbeissen können. Leider ist das Material außerdem lichtempfindlich und reißt nach einiger Zeit. Daher werden Nathegebisse heute nur noch mit Metallkern angeboten. Es muss auch hier wieder häufig kontrolliert werden, ob es irgendwo scharfkantig usw. ist. Dieser Kunststoff ist außerdem temperaturabhängig. Im Sommer ist es eher weich, im Winter eher hart.
Stangengebiss mit Mittelstück aus Nathe
Foto: Privat


Happy Mouth
Ein Kunststoffgebiss mit Metallkern, welches in verschiedenen Geschmacksrichtungen angeboten wird. Auch hier wird wieder angegeben, dass es das Kauen anregen kann. Aber wir wissen ja, dass es eher mit der Einwirkung des Reiters und der lockeren Muskulatur zu tun hat. Durch die äußere Kunststoffschicht muss auch hier wieder regelmäßig die Abnutzung kontrolliert werden.


Doppelt gebrochene Wassertrense mit Mittelstücken
aus Kunststoff mit Geschmack
Fotos: Privat

Zähne

Das heranwachsende Pferd wechselt seine Milchzähne zwischen in der Regel zwischen 2,5 und 4,5 Jahren. Man kann bis zum vollkommenden Aufeinanderliegen der jeweiligen Zähne immer noch bis zu einem halben Jahr dazurechnen. Je nach Rasse kann der Zahnwechsel auch später erfolgen. Zuerst wechseln die mittleren Schneidezähne mit ca. 2,5 Jahren. Mit ca. 3,5 Jahren die nächsten Schneidezähne und ganz zuletzt mit ca. 3,5 Jahren die letzten Schneidezähne. Jeweils immer oben und unten 2 Zähne.
Wolfszähne sind die ersten Backenzähne. Sie sind bei vielen Pferden ausgebildet aber meist nur kümmerlich. Bevor das Pferd das Gebiss zuallererst ins Maul bekommt sollten diese gezogen werden. Wer kann denn schon genau sagen, ob sich das Pferd den Schmerz nicht verkneift, wenn diese vermeintlich nicht stören.

Wichtige Gesichtsnerven und Gefäße

Jeder Reiter und Fahrer sollte die wichtigen Strukturen des Pferdekopfes kennen und seine Lage wissen. Eine falsche Verschnallung kann nachhaltige Folgen auf die Strukturen haben. Dabei nicht außer Acht lassen, darf man die wichtigen Gesichtsnerven. Diese können z.B. durch eine falsche Verschnallung oder Reizung durch Teile des Zaumzeugs irritiert werden. Da die Nerven über die Nervensysteme miteinander kommunizieren, kann eine Irritation eines Gesichtsnervs große Auswirkungen auf den Körpers haben.
Der Trigeminusnerv ( 5. Gehirnnerv) ist ein großer Gesichtsnerv, der unter anderem die Kaubewegungen steuert und für sensorische Wahrnehmungen im Gesicht verantwortlich ist. Der Trigeminus Nerv versorgt unter anderem die Nüstern und den Nasengang mit sensorischen Fasern.
Dieser Nerv ("Drillingsnerv") ist der stärkste aller Gehirnnerven; er teilt sich in drei Hauptäste:
  • den Augennerv: Er versorgt Stirn, Tränendrüse, Augenbindehaut, Augenwinkel, Siebbein und Teile der Nase),
  • den Oberkiefernerv (maxillaris): Er versorgt besonders die Oberkieferregion, die Oberkieferzähne, den Gaumen und Teile der Gesichtshaut. Er ist sehr sensibel, erhält parasympathische (siehe Post über Nervensystem) Anteile von Faszialisnerv. Er setzt sich in Richtung Maul fort in den Nerv Infraorbialis. Dieser versorgt mit Ästen die Zähne des Oberkiefer, Lippen, Nüster und Nasenvorhof. Er verläuft oberflächlich auf dem Nasenrücken in dem Gebiet, wo der Nasenriemen des englischen Reithalfters und des mexikanischen Reithalfters verlaufen.
  • den Unterkiefernerv (mandibularis) versorgt u. a. die Kaumuskulatur, den vorderen Teil der Zunge, den Mundboden, Maulschleimhaut, die Zähne des Unterkiefer sowie die Haut über dem Unterkiefer. Er verläuft über verschiedene Abzweigungen (Äste) entlang des Unterkiefer. Sein Endast tritt durch ein Loch zwei Fingerbreit unterhalb des Lippenwinkels durch. Diese Stelle ist bei der Verschnallung der Kinnkette und beim hannoverschen Reithalfter beeinträchtigt. Hier muss besondere Sorgfalt berücksichtigt werden. Drückt hier etwas, so wird es direkt an das Gehirn gemeldet.
Der Faszialisnerv (7. Gehirnnerv) enthält sensible, sensorische, motorische und parasympatische Fasern und versorgt weite Teile des Kopfes (Ohren, Augen, Drüsen, Muskeln der Lippe, Backen und Nase). Er durchsetzt u. a. die Ohrknorpel zum inneren Gehörgang und zieht bis zum Augenlid. Dabei kommuniziert er am Unterkiefer mit dem querverlaufenden Nervenast des Gesichts. Dieser Ast versorgt die Haut über dem Kiefergelenk und dem großen Kaumuskeln auf der Ganasche. Zusätzlich gibt der noch Äste an das Kiefergelenk ab. Der Faszialisnerv teilt sich auf der Außenfläche des großen Kaummuskels in 2 Teile, die u. a zu den Mundwinkeln ziehen. Er tritt am hinteren Rand des Unterkiefer an die Oberfläche und liegt unter der Haut.
Werden die Nerven gereizt, z. B. durch ein starkes Einwirken mit dem Gebiss auf das Maul oder auch durch das Kopfstück, so melden sie diesen Reiz an das Gehirn weiter. Die Muskeln bekommen wiederum eine Meldung über ihre Nerven und verspannen sich. Ist der Reiz ständig, so kann der Nerv auch Schädigungen bekommen. Zu beachten ist auch die Verbindung zum Gleichgewichtsorgan und zum Auge.
Die Gefäße der Venen und Arterien verlaufen vom unteren Teil des Unterkiefer auf die Gesichtsfläche und ziehen unterhalb des Jochbein mit verschiedenen Abzweigungen in Richtung Ober- und Unterlippe und Nasenrücken. Vene und Arterie verlaufen dabei parallel zueinander. Im inneren der Zunge verlaufen auch zwei wichtige Arterien und Venen. Sie sorgen für eine gute Durchblutung des Zungenmuskels. Ein starker Druck des Gebisses kann hier die Durchblutung so weit einschränken, dass die Zunge blau anläuft.
Verlauf des Trigeminusnerv (gelb)
Foto: Privat

Verlauf des Faszialisnerv (gelb)
wichtige Arterien und Venen (rot und blau)
Foto: Privat
Ich versuche diese beiden Nerven und die Arterien und Venen noch mal besser darzustellen. 


Schlussfolgerung

Ich möchte keine Wertung über verschiedene Gebisse abgeben und euch sagen, was ihr verwenden sollt. Wichtig ist, wie der Reiter / Fahrer auf das Pferd einwirkt und wie der Ausbildungsstand ist. Ein scharfes Gebiss ist niemals dazu da, ein Pferd zu kontrollieren oder zu etwas zu zwingen. Wer es für solche Zwecke nutzt, hat den Sinn der Pferdeausbildung überhaupt nicht verstanden. Allerdings halte ich überhaupt nichts von irgendwelchen Versprechungen, die ein lockeres Maul, bessere Anlehnung usw. versprechen. Das ist in meinen Augen absoluter Quatsch und nur dazu da, dass Gewissen zu beruhigen. "Ich kaufe das Gebiss aus dem tollen Material und und der besonderen Form und schon kaut mein Pferd wieder und ist absolut Losgelassen!"
Meiner Meinung nach, kann z. B. der sachgemäße Gebrauch  von Dressurkandaren mit Unterlegtrense das Pferd in seiner Feinheit verbessern. Der Reiter kann gezielter einwirken.
Bevor man sich ein Gebiss zulegt, muss man sich genau über das Pferdemaul informieren. Sich einfach ein Gebiss kaufen, nur weil die Freundin oder der Freund damit gute Erfahrungen gemacht hat, reicht nicht aus. Deshalb muss das Gebiss noch lange nicht bei dem eigenen Pferd passen.

Dieses Thema ist auch ein sehr sensibles Thema und schnell strittig, da jeder eine andere Meinung hat. Meine persönliche ist wie folgt: Ich reite Pferde mit Gebiss, je nach Ausbildungsstand und Trainingseinheit entweder mit Schenkeltrense oder Dressurkandare mit Unterlegtrense. Ja, nun mögen einige denken, dass die Kandare ein brutales Gebiss ist. Aber ist es nicht so, dass am Ende doch der Mensch dafür verantwortlich ist, ob etwas nun brutal ist oder nicht? Ich jedenfalls wirke nur bei Bedarf ein und lasse das Pferd ansonsten in Ruhe mit einer leichten Verbindung an der Trense und ggf. bei zusätzlicher Kandare dann mit einem Zügel, der nicht einwirkt. Die Kandare kommt dann nur bei Bedarf kurz zur Einwirkung. Somit ist eine noch feinere Dosierung der Gebisse möglich. Mit Trense kann ich das Gleichgewicht und die Lockerheit im Maul korrigieren, mit der Kandare die Genickbeugung verfeinern.
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